22.02.2017, von Verena Bufler (Haller Tagblatt)

„Du bist verletzt, schon vergessen?“

Großübung. Das Technische Hilfswerk und die Bereitschafts-Rettungshundestaffel Hall haben erstmals zusammen das Suchen von Verschütteten in einem Gebäude trainiert. Auch eine Betonwand haben sie durchbrochen. Dafür nutzten sie den ehemaligen Rewe-Markt in der Salinenstraße. Von Verena Bufler (Haller Tagblatt)

Meterweit sprühen Funken umher. Weißer Rauch steigt auf. Der Motortrennschleifer gleitet durch die Betonwand wie ein Skalpell durch Bauchspeck. Bloß mit Krach. „Ratatatata“, lärmt das Gerät. Joshua Kindermann vom Technischen Hilfswerk (THW) Schwäbisch Hall setzt mehrere Schnitte, die ein Quadrat bilden. Dabei trägt er Helm, Schutzbrille und Ohrenschutz. Dann rückt Daniel Schweigert mit dem Aufbrechhammer an, mit dem er den Beton aufbohrt. Zwei Männer unterstützen ihn mit einem weiteren Aufbrechhammer, den sie zu zweit festhalten müssen. Nach etwa zehn Minuten ist die Mauer durchbrochen und die Öffnung groß genug, um eine etwa 70 Zen-timeter breite Schleifkorbtrage – auch Rettungswanne genannt – durchzubugsieren. „Gut gemacht“, sagt Raphael Noe zu seinen Leuten. „Jetzt bitte einen Teppich drüber, damit sich niemand verletzt.“ Noe ist der Gruppenführer des THW Hall. Er leitet an jenem Dienstagabend Ende Februar die erste gemeinsame Großübung von THW und Bereitschafts-Rettungshundestaffel. Seine Augen sind überall, sein Ohr ständig am Funkgerät, über das er Kontakt zum Lagezentrum hält. Dieses befindet sich 20 Meter entfernt in einem MiniVan.

Raphael Noe ist froh, dass er und seine Kollegen für die Übung den ehemaligen Rewe-Markt in der Salinenstraße nutzen dürfen, kurz bevor dieser abgerissen wird. Denn Betonmauern, die mit Flex und Bohrer bearbeitet werden dürfen, sind rar. Genau genommen ist es das erste Mal, dass die Ehrenamtlichen vom Haller THW ein Loch in eine Betonwand flexen. Das sieht man den Mienen der Helfer auch an. Mit weit aufgerissenen Augen und anerkennendem Nicken reagieren sie auf den Funkenflug.

Auch die Helfer werden verschüttet

Doch viel Zeit zum Staunen bleibt nicht. Denn im Innern des Gebäudes müssen Verschüttete gesucht werden. Das fiktive Szenario der Übung lautet: Das Haus ist aufgrund der Schneelast teileingestürzt. Durch die Türe gelangen die Helfer nicht hinein. Deshalb müssen sie einen Zugang durch die Wand schaffen. Doch damit nicht genug, denn im weiteren Verlauf werden auch die Helfer bei der Suche nach den Vermissten verschüttet. Der Funkkontakt bricht ab. Daraufhin werden Suchhunde ins Gebäude geschickt. Zwei bis drei solcher großen Übungen macht das THW im Jahr.

Im Innern des Gebäudes ist es duster. Nach und nach klettern die vier Helfer von „Erkundungstrupp 1“ durch die Öffnung. Im Schein ihrer Taschenlampen werfen sie einen Blick auf den Lageplan der Halle. „Habt ihr Funk?“, fragt Einsatzleiter Raphael Noe. „Ja.“ „Dann los.“ In einem Nebenraum, den die Männer als erstes durchkämmen, riecht es nach Fleisch. Der Raum ist leer. Die Männer marschieren in ihrer Schutzmontur über eine schmale Treppe hinauf in zwei andere Räume. Auch diese sind leer.

Währenddessen haben andere Helfer zwei LED-Strahler aufgestellt, die den leeren Supermarkt nun taghell erleuchten. Das Licht gibt den Blick frei auf einzelne Plastikteile, die auf dem Boden herumliegen. Von der Decke hängen Kabel herab. „Wir haben jetzt Licht und Strom im Innern“, funkt Raphael Noe ans Lagezentrum. „Über Eigenversorgung oder örtliche Versorgung?“, fragt ein Mann am anderen Ende der Leitung. „Eigenversorgung. Die örtliche Versorgung liegt immer noch nieder.“ „Ja, verstanden.“ Die Kommunikation der Helfer ist präzise und folgt genauen Regeln. Das ist im Ernstfall wichtig, wenn es laut und unübersichtlich zugeht.

Nach einer Minute bellt Ben heftig

Inzwischen sind auch die ersten Mitglieder der Bereitschafts-Rettungshundestaffel des Deutschen Roten Kreuzes durch die Öffnung in der Betonwand geklettert. Bernd Breitkopf hält seinen Hund Ben an der Leine, einen Mischling aus Lab-rador und Border Collie. Ben trägt ein blau-blinkendes Hundehalsband. „Such, auf, such!“, gibt Bernd Breitkopf das Kommando zum Start. Ben läuft sofort los, schnüffelt zuerst an den umherste-henden Personen und läuft dann zielstre-big auf einen Lagerraum zu. Nach weni-ger als einer Minute beginnt er, heftig zu bellen. Er hört erst auf, als sein Herrchen bei ihm ist.

Und siehe da: Ben hat die vermisste Kassiererin gefunden, die auf dem Boden sitzt. Bernd Breitkopf gibt seinem Hund ein Stück Wurst aus einer Tupperdose und steckt sie zurück in seine Jackentasche. „Als Bestätigung“, erklärt er. Doch woher wusste Ben, wonach er suchen soll? „Er geht auf Menschengeruch“, erklärt der Rettungshundeführer. „Und er lernt, dass er Menschen suchen soll, die sitzen oder liegen, keine, die gehen oder stehen.“ Zwei Jahre dauert die Ausbildung mindestens. Die Zeit variiert von Hund zu Hund. Ben lernt seit vier Jahren. Im März werden er und sein Herrchen die Rettungshunde-Prüfung absolvieren. Wenn sie diese bestehen, dürfen sie in echten Einsätzen nach Menschen suchen. Doch erst einmal ist Ben durstig und schlabbert Wasser aus einem kleinen Lederbehälter. „Die Hunde haben so viel Durst, weil sie mit der Nase arbeiten“, erklärt Bernd Breitkopf.

Rosi Hacker ist die Chefin der Bereitschafts-Rettungshundestaffel Hall. Bevor sie etwas erzählen kann, dröhnt eine Männerstimme aus ihrem Funkgerät: „Einsatzleitung 2 kommen.“ „Hört“, antwortet sie. „Weibliche Person gefunden, die nicht laufen kann.“ „Standort?“ „Hinteres Obergeschoss.“ „Verstanden. Schicken euch Hilfe.

Suchhunde – nicht zu groß, nicht zu klein

Wann kommen Rettungshunde überhaupt zum Einsatz? Rosi Hacker erklärt: „Häufig bei älteren Menschen mit Demenz, die sich zum Beispiel beim Waldspaziergang verlaufen, oder bei Suizid.“ Also wenn zum Beispiel in einem verlassenen Auto ein Abschiedsbrief gefunden wird. Momentan besteht die Bereitschafts-Rettungshundestaffel aus 15 Mensch-Hund-Teams, die zweimal pro Woche für jeweils etwa dreieinhalb Stunden trainieren, meistens im Wald. Kein Team ist derzeit für den „echten Einsatz“ geprüft. Im Ernstfall werden deshalb Ret-tungshunde aus Bad Mergentheim oder Heilbronn angefordert.

Als Rettungshunde eignen sich Tiere, die weder zu groß noch zu klein sind – nicht zu groß, damit sie zum Beispiel durch schmale Öffnungen passen; nicht zu klein, damit sie über Stock und Stein springen können. „Eine bestimmte Rasse muss es nicht sein“, erklärt Rosi Hacker.

Im hinteren Obergeschoss, bei der verletzten Frau, die nicht laufen kann, ist Hilfe eingetroffen: drei Männer und eine Frau vom THW. Eine weitere THWlerin sitzt am Boden – sie mimt die Verletzte. „Darf ich jetzt aufstehen?“, fragt Jeanette Zügel ihre Kollegen. „Nein, du bist verletzt, schon vergessen?“, antwortet einer. Alle müssen lachen. Dann werden sie wieder ernst. „Okay, auf drei heben wir sie an und hieven sie auf die Trage.“ Danach wird die Verletzte mit Gurten aufder Schleifkorbtrage fixiert. 

Doch dann stehen die Helfer vor einem Problem: Zwar haben sie es mit der leeren Trage das enge Treppenhaus hinauf geschafft, doch hinunter, mit einer verletzten Person, werden sie zusätzliche Hilfe benötigen. „2110 von Erkundungstrupp 1, kommen“, funkt einer der Helfer an die Einsatzleitung. „Hört.“„Verletzte Person bereit für Abtransport. Brauchen weitere Personen für Engpassim Treppenhaus.“ Zwei Sekunden Stille. Dann ist die männliche Stimme wiederzu hören, diesmal mit einem belustigten Unterton. „Negativ. Heilung durch Handauflegen.“ Soll heißen: Wir packen unten zusammen, ihr könnt runterkommen. Nach zwei Stunden ist die Übung beendet. Ein bisschen Spaß darf sein. Ernst wird es früher oder später von allein.

Text wurde freundlicherweise von Verena Bufler (Haller Tagblatt) zur Verfügung gestellt.

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